Rezensionen

Das Entschwundene im Gegenwärtigen Friedliche Revolution, 8.11.2009 von Angelika Ramlow

Versuchte Annäherung an die Mauer Berliner Zeitung, 7.11.2009 von Anke Westphal

Die unsichtbare Grenze entlang Die Welt, 7.11.2009 von Hanns-Georg Rodek

AVIVA-Berlin AVIVA-Berlin von Tatjana Zilg

Das Entschwundene im Gegenwärtigen

Eine assoziaitive Kreisbewegung mit freiem Blick - Cynthia Beatts "The Invisible Frame"

Vor 21 Jahren, im Jahr 1988, begab sich Cynthia Beatt mit der jungen Tilda Swinton auf eine ungewöhnliche filmische Reise: auf einer Fahrradtour folgten sie dem damaligen Verlauf der Berliner Mauer. Aus heutiger Perspektive – 20 Jahre nach dem Mauerfall – ermöglicht CYCLING THE FRAME einen Blick auf eine entschwundene Inselstadt. In Cynthia Beatts neuem Film THE INVISIBLE FRAME, der im Juni 2009 entstanden ist, ist Tilda Swinton erneut die Grenzlinie nachgefahren – doch nun erkundet sie die vielfältigen Grenzlandschaften auf beiden Seiten der einstigen Berliner Mauer.

Als Cynthia Beatt im Jahr 1988 CYCLING THE FRAME drehte, war für keinen absehbar, dass sie damit ein ungewöhnliches historisches Dokument schaffen würde, da schon ein Jahr später die Berliner Mauer fallen sollte und mit ihr auch an vielen Orten die Erinnerung an sie. CYCLING THE FRAME zeichnete sich durch eine filmische Ausdrucksform aus, die auch für den neuen 21 Jahre später entstandenen Film THE INVISIBLE FRAME hervorstechend sein wird: Mittels der Verflechtung des dokumentarischen Materials mit persönlichen Reflexion in Form von inneren Monologen Tilda Swintons und einem atmosphärisch dichten "Soundscape", den der britische Komponist, Musiker und Schauspieler Simon Fisher Turner aus Originalton-Geräuschen schuf, entfaltet der Film eine assoziatives Filmpoem, das berührt.

Ausgehend vom Brandenburger Tor haben Cynhtia Beatt und Tilda Swinton in einer Kreisbewegung die einstmalige Grenzlinie der Stadt mit dem Fahhrad erkundet, mit offenem Blick und auf der Suche nach den Spuren des Mauerverlaufs, der oft nur noch anhand einzelner verloren in der Landschaft stehender Mauerbruchstücke, Wachtürme, Hinweisschilder, und der auf dem Straßenasphalt eingeschriebenen  Grenzlinie erkennbar ist. Und es ist selten auszumachen, von welcher Seite des ehemaligen Mauerstreifens Tilda Swinton in die Landschaft blickt, von West nach Ost, oder umgekehrt? Die ehemals feststehenden Koordinaten des Blickwinkels haben sich verflüchtigt, sind im Raum der städtischen Architektur und in noch stärkerem Maße in der weitläufigen Berlin umschließenden Auen- und Seenlandschaft nicht mehr auszumachen. Wo früher die Mauer stand, kann nun der Blick schweifen, der Verlust der ehemals vorgegebenen Orientierung beinhaltet auch ein Moment der Freiheit.

Die in Berlin anhaltende Diskussion, ob es den sinnvoll und richtig war, die Mauer zu so großen Teilen abzureißen und dem Verschwinden anheimzugeben, kann in THE INVISIBLE FRAME unter einem neuen Blickwinkel reflektiert werden. Durch Tilda Swintons zurückgenommene und doch intensive Performance, ihre pointierten Reflexionen, die sich starren Denkmustern entziehen und ein Moment der dichterischen Freiheit entfalten, die auch dem Betrachter einen Assoziationsraum eröffnen, lässt uns das Verschwinden der Mauer neu denken und empfinden. Im Zusammenspiel mit der aus feststehenden Einstellungen und fließenden Kamerafahrten sich gestalteten Bildwelten und einem Klangteppich, der die Tönung der Bilder kongenial unterstützt, erhalten die filmischen Einstellungen eine fast haptische Qualität, die den Betrachter den Genuss dieser Bewegung durch die freie Natur erfahrbar werden lässt – und so vermittelt, wie sehr sich Berlin verändert hat.

In der sich ausbreitenden Natur  wird ein ehemals unüberwindbar scheinendes Monument der Unfreiheit und Unterdrückung, der Trennung und Ab- und Ausgrenzung von Menschen und Orten im natürlichen Kreislauf der Zeit in den Prozess der Umwandlung eingebunden und dem Verschwinden preisgegeben. Spuren müssen gesucht werden – das hat auch einen befreienden Aspekt. Indem die ehemals unüberwindlich erscheinende Trennlinie kaum mehr auszumachen ist, wird sie auch als das entlarvt was sie war: etwas Unnatürliches und Erzwungenes, dass nicht Bestand haben konnte. Aber Tilda Swinton und Cynthia Beatt werfen auch die Frage auf, wie das ans Licht kommen kann, was nicht sichtbar ist, was in der Erinnerung lebt, verdrängt, verschollen: die Unmenschlichkeit des Einzelnen, das Leiden des Einzelnen. Und sie verweisen am Rande auf neue Mauern, die Privatgrundstücke abgrenzen, erneut  gespickt mit Anweisungen "betreten verboten", wenn auch unter anderen Vorzeichen.

Die filmische Reise entlang des ehemaligen Mauerstreifens endet am Brandenburger Tor mit einem inneren Monolog der im Zwischenraum von Utopie und Wirklichkeit verortet werden kann: " (... ) offene Grenzen, offene Zukunft, offener Himmel, offene Arme, Sesam öffne dich." Im Abspann erfahren wir, dass der Film den Menschen Palästinas gewidmet ist, womit die Regisseurin die am Ende des Films von Tilda Swinton formulierten Gedanken aus dem  introspektiven Blick Berlins herauslöst und an einen anderen Ort in der Welt einbindet, wo erneut eine Mauer gebaut wurde, die Orte und Landschaften und Menschen trennt und zerstört.  

Diese feinen, doch bewusst gesetzten Akzentuierungen sind beispielhaft für diesen spielerisch anmutenden, essayistischen Film, der noch lange im Gedächtnis nachklingt.

Von Angelika Ramlow, Friedliche Revolution – 8.11.2009

Versuchte Annäherung an die Mauer

Tilda Swinton radelt auf den Spuren der deutschen Geschichte: "Cycling the Frame" und "The Invisible Frame"

Im Juni 2009 hat sich Tilda Swinton auf eine ausgedehnte Radtour begeben. Da, wo einst die Mauer verlief, fuhr die Schauspielerin durch Berlin und um die Stadt herum. Und da mit dem Ende der deutsch-deutsche Teilung im Spätherbst 1989 auch das Schicksal dieses DDR-Funktionsbauwerks besiegelt war, radelte Swinton gewissermaßen an einem Phantom entlang. Die britische Regisseurin Cynthia Beatt hat sie dabei gefilmt und das Ergebnis sinnfällig "The Invisible Frame", der unsichtbare Rahmen, betitelt. (Korrektur: Es war die Regisseurin, nicht Swinton, die diese Tour gemacht hat und sie war es auch, die die Orte entlang der 160 km langen ehemaligen Mauerlinie ausgewählt hat, an der Swinton dann als eine Radfahrerin performed hat während 18 Tagen Drehzeit. Der Film ist präzise inszeniert.)

Es ist nicht das erste gemeinsame Projekt der beiden Frauen. Schon einmal hatte sich Swinton für Beatt auf den Drahtesel geschwungen; das war vor 21 Jahren, als die Mauer noch stand, die im offiziellen DDR-Sprachgebrauch "antifaschistischer Schutzwall" hieß. 1988 strampelte eine mädchenhafte, karrieretechnisch aufstrebende Swinton an der Mauer entlang - natürlich nur auf Westberliner Territorium, denn die DDR-Regierung hielt diese Grenze nicht für Kunstmaterial, sie war vielmehr eine todernste politische Angelegenheit. In "Cycling the Frame" befährt Swinton also den der Inselstadt West-Berlin aufgezwungenen Rahmen, wobei sie dies und das vor sich hin spricht. Sie fantasiert und assoziiert und stöhnt wohl auch über die Anstrengung ("Meine Beine!"), aber Körper und Geist scheinen doch ganz eins im harmonischen Fluss einer Bewegung, die von Warnschildern (etwa "Ende des britischen Sektors") gehemmt und immer wieder von der finalen Barriere unterbrochen wird.

21 Jahre später existiert diese einzigartige, schreckliche, deutsche Mauer nicht mehr; dafür gibt es aber viele andere Symbole des Ein- oder Ausschlusses, je nach Perspektive. Und dass diese jeweils vom Standpunkt bestimmt ist, wird auch gleich explizit gesagt. Swinton gerät an Gartenzäune oder an Gitter, und manchmal hat sich die Natur einfach so den Raum zurückerobert, den die Grenzanlagen und ihnen benachbarte Bauten einst einnahmen; dann fällt der Blick der Radlerin auf umgestürzte Bäume, wild wucherndes Grün, zerfallende Befestigungen, tote Gleise, marode Werkanlagen.

Natürlich haben sich nicht nur die Orte verändert - auch Tilda Swinton ist nicht mehr die Fee mit wehendem roten Haar im Kleingeblümten. Sie präsentiert sich jetzt als hohe, weißblondierte, in ihrer Stilisierung gewissermaßen universelle Gestalt, die sich auf der Suche nach sehr viel umfassenderen Zusammenhängen über die Geschichte erhebt. Ihre Neugier wirkt nunmehr freundlicher, sogar weicher, und etwas Gemessenes ist in ihren Bewegungen, dem gegenüber die physische Anstrengung nicht mehr so zu Tage tritt. 1988 erkundete eine junge Frau eine Welt, deren Zwangsrahmung für sie schon rein intuitiv keinen Sinn ergab - sie hätte damals gern ein Loch in die Mauer geschossen, damit diese einfach umfällt. 2009 ist nun so etwas wie eine ziemlich gut trainierte Hohepriesterin unterwegs. Swinton reflektiert über Offenheit und Grenzen; und sie trägt Verse von William Butler Yeats und anderen Dichtern vor, während sie herumstreift. Dann wieder beobachtet sie Jogger und Hunde, schweigt an einem Gedenkstein für Maueropfer, lugt von einem Aussichtsturm ins Weite, ermutigt ein spielendes Kind oder liest eine Naturschutztafel ab.

In der Gemessenheit des Bilder- und Gedankenflusses koexistieren die Bewegungen, Reflexionen und Banalitäten friedlich miteinander - was nicht allein tröstlich ist, sondern auch eine zutiefst aufrichtige Annäherung an die schwierige Verfasstheit des vereinigten Deutschlands erlaubt. Etwa wenn Swinton die Überbleibsel der Mauer und der DDR mit denen "einer längst ausgestorbenen Zivilisation, einer prähistorischen, die man nicht versteht", vergleicht. Das Eigentliche sei verborgen unter Scham und umgeschriebener Geschichte. "Offen, öffnen - Sesam öffne dich!", sind Swintons filmische Ausgangsworte.

"Cycling the Frame" und "The Invisible Frame" sind psychogeografische, philosophische Meditationen. Letztlich geht es hier darum, der Vergänglichkeit standzuhalten. Wem das zu vergrübelt ist, der kann diese beiden Filme, die nun als Doppelpack ins Kino kommen, auch anders genießen. Immerhin hat man hier eine der großartigsten Schauspielerinnen der Welt ganz für sich im Dialog; die anderen Kinozuschauer zählen da ja nicht. Nahezu unerkannt radelte sie in unserer Mitte. Einmal wird sie von einem anderen Radfahrer überholt. Der wendet sich kurz um und gibt einen anerkennenden Pfiff von sich. Tilda Swinton lacht sich kaputt. Sie ist eine nahbare Göttin.

Von Anke Westphal in der Berliner Zeitung